Samstag, 8. November 2008

Writers´Workshop, Erste Lektion

Nachruf auf einen Engel

von Elsbeth Bitter

Seit einem Jahr lebe ich in dieser Wohnung. Es ist eine schöne Wohnung – ich liebe sie.
Jedoch, kurz nach meinem Einzug, begannen sich seltsam Dinge zu ereignen.

Alles fing damit an, dass, wenn ich vor meinem Computer saß, kleine Staubwölkchen
über meinem Schreibtisch wirbelten. Irritiert dachte ich dann: ich muss mal mal wieder gründlich sauber machen.
Das jedoch mache ich meist nur an Wochenenden, denn in der Woche muss ich zur Arbeit und da bleibt oft nicht viel Zeit für den Haushalt. Wenn ich nach Hause komme, gibt es so vieles was ich tun muss oder möchte, wie zum Beispiel, das Schreiben.

Nachdem ich aber mehrmals dieses kleine Staubwölkchen über meine Schreibtisch habe wandern sehen, nahm ich das Staubtuch, räumte meine chaotisch aussehenden Schreibtisch leer und machte gründlich sauber.

Befriedigt setzte ich mich wieder vor meinem Computer. War doch jetzt alles so schön aufgeräumt und blank.

Ein paar Tage später, es war schon Abend geworden und ich kam von einem Treffen mit Freunden nach Hause, starrte ich, als ich meine Wohnung betrat,gebannt auf das Bücherregal – wirbelte doch ein ähnliches Stäubwölkchen, wie das von meinem Schreibtisch, über es hinweg.

Da ich guter Laune war und noch so richtig in Schwung, nahm ich gleich ein Tuch und die Möbelpolitur zur Hand und wischte Staub.

Irgendwie jedoch, fand ich diese Wölkchen faszinierend. Waren sie mir in meines früheren Wohnung doch nie aufgefallen.

Dann kam die Nacht zum ersten Advent. Ich schlief tief und Traumlos. Plötzlich jedoch, wachte ich auf. Da war jemand in meiner Wohnung. Ich hörte es ganz deutlich. Jemand bewegte sich durch die Räume und betrat mein Schlafzimmer. Erst wagte ich nicht die Augen zu öffnen. War es ein Einbrecher, der da umher schlich? Fest hielt ich die Augen geschlossen und ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, dass ich längst aufgewacht war.

Dann hörte ich ein leises, glockehelles Lachen. Ich öffnete vorsichtig die Augen und sah im Mondlicht ein Wesen durch das Zimmer gehen. Ein junges Mädchen in einem silberglänzendem Kleid. Irgendwie wirkte es filigran und als es sich umdrehte um mit der Hand über meine Fensterbank zu wische, stand es mit dem Rücken zu mir und ich glaubte durchsichtige Flügel zu sehen.
Am Morgen war ich davon überzeugt geträumt zu haben. Irgendwie war der Traum schön und aufheiternd. Jedoch das ging nicht, dass ich des nachts schon von dem Staub der sich auf meine Möbelstücke legt träumte. Am darauffolgendem Wochenende gab es einen gründlichen Hausputz.

Freunde, denen ich die Geschichte erzählte, lachten und meinten, ich hätte eine geradezu kindliche Fantasie. Jedoch ... je länger ich darüber nachdenke... irgendwie ist jetzt alles anders. Die Atmosphäre in der Wohnung ist nicht mehr ganz so heiter wie bisher. Ich freue mich nicht mehr ganz so sehr nach Hause zu kommen und wenn ich nachts aufwache, hoffe ich dieses silberhelle Lachen wieder zu hören.

Wo ist mein Engel geblieben? Habe ich ihn mit Staubtuch und Poliermittel vertrieben, oder sogar umgebracht? Könne Engel sterben, wenn man ihnen die Freude nimmt? Vielleicht bestand die Freude des Engels darin, kleine Staubwölkchen durch die Luft wirbeln zu lassen. Vielleicht habe ich Sternenstaub weggeputzt. Meine Fantasie überschlug sich.

Erzählen darf ich das nicht – man würde mich für verrückt halten.

Morgen werde ich verreisen und komme erst in einer Woche zurück. Dann wird sich in meiner Wohnung wieder Staub angesammelt haben. Genug um Wölkchen zu produzieren und vielleicht kommt dann der Engel zurück.



Kommentare:

julianna hat gesagt…

Ich glaub, du hast den falschen Beruf. Du solltest Autorin werden.

Lg, Julianna

sticklady...Petra hat gesagt…

Hallo Elsbeth, Du bist mir auf wunderbarer Art und Weise unheimlich;-) Sind wir Seelenverwandte?
Ein wunderschönes Wochenende und noch sehr viele kreative Einfälle wünsche ich Dir und mir Petra...die sticklady

wollfaden hat gesagt…

Liebe Elsbeth.
Hoffentlich kommt Dein Engel wieder. Ich wünsch es mir so. Dann könntest Du noch ein par schöne Geschichten erzählen.
Sei lieb gegrüßt Friederike

Schnulli hat gesagt…

Hallo,
bin durch Zufall auf dieser Seite gelandet. Sie gefällt mir sehr gut. Ich fand so einen riesen Gefallen, an der Engelgeschichte, das ich sie einfach in meinem blog "zeigen" mußte. Natürlich mit Ihren Angaben. ich hoffe, das ist ok.

Leeve Jrööß
Schnulli

Marion hat gesagt…

Wunderschön.....
Gerade richtig zum Beginn des Herbstes.

Heidi hat gesagt…

ich liebe Engel
wo auch immer sie sein mögen :-)
schöne Geschichte

LG aus Köln

heidi