Sonntag, 11. August 2013

Auseinanderdriften

Seit vielen Jahren begleitet mich, mehr oder Weniger, eine Freundin durch mein Leben.  Wir sehen uns zwar nicht, aber in unregelmäßigen Abständen ist sie präsent.
Wir kennen uns aus einer Zeit, die für mich
die Zeit vor Irland heißt.  Ich lebte damals in den Alpen. Ich, in den deutschen, sie in den österreichischen.  Beide direkt an der Grenze, nur ein paar Kilometer voneinander entfernt. Irgendwann machte sie auf ihrer Wanderung mal Halt vor meiner Türe und so begann die Freundschaft.  Wir waren jung verheiratet, unsere Kinder wuchsen fast gemeinsam auf und wir verhielten uns, wie Freundinnen es eben tun.  Er gab nicht was wir nicht miteinander teilten - einschließlich Geheimnise.  Irgendwann änderte sich unser Leben.  Ich zog nach Irland, Sie trennte sich von ihrem Mann und auch meine Ehe hatte keinen Bestand. Aber egal was war, wir hielten Kontakt.  Die Freundschaft blieb.  Wenn wir uns nicht sehen konnten, telefonierten wir, oder schrieben Briefe.  Inzwischen bin seit 12 Jahre wieder in Deutschland. Die Freundschlaft dauert nun 30 Jahre.  Wir haben uns wiedergesehen, doch es war ein schwieriges Wiedersehen.  Sie ist inzwischen sehr schwer an Parkinson erkrankt und die Krankheit hat sie verändert.  Telefonieren geht fast gar nicht mehr, denn sie ist durch die Lähmung schwer zu verstehen.  Briefe mit der Schneckenpost werden auch nicht mehr geschrieben, aber sie hat, genau wie ich, einen Computer und das Internet.  So schreiben wir uns ab und zu Mails.  Jedoch entstehen immerwieder große, zeitlich Lücken.  Sie sind bedingt durch Krankenhausaufenthalte ihrerseits und andere Widrigkeiten meinerseits.
Wenn ich zu lange nicht geschrieben habe, pocht mein Gewissen und sagt mir: "Sie ist krank und war immer für dich da".  Jedoch ist es schwierig.  Ihr Denken dreht sich naturgemäß um ihre Krankheit und so gibt es kaum andere Themen. 
Im letzten 3/4 Jahr kam ich kaum dazu ihr zu schrieben.  Nur ein paar kurze Grüße habe ich ihr geschickt , und wieder plagte mich das Gewissen.  Jetzt habe ich ihr wieder geschrieben.  Ich habe ihr von meiner Reise nach Irland berichtet und ein paar Bilder von der Hochzeit gesendet, denn sie kennt meine Kinder aus der Zeit, als die noch Kinder waren.  Eine Woche habe ich gewartet und dann kam die Antwort.  Sie freut sich natürlich, dass ich geschrieben habe und auch  über die Bilder.  Berichtet sehr wenig über sich, aber um so mehr über ihre Kinder und Enkelkinder.
Viele, viel Fotos und Videos kommen bei mir an und ich weiß nicht was ich dazu sagen soll. Flachsblonde, hübsche Kinder sind ihre Enkel.  Sportliche, Hochtrainierte junge Familien sind auf Bilder und Filme zu sehen.  Der Enkel springt im Alter von 10 Jahren vom  Zehnmeterbrett in Schwimmbecken.  Sie alles laufen Ski, wandern, und die Erwachsenen , männlich wie weiblich, wirken wie Muskelprotze.
Ich hatte es schon bei meinem Besuch vor drei Jahre gemerkt und sehe es auch in ihrer letzten Mail, das Sport dort großgeschrieben wird und sehr wichtig ist.
Jetzt stehe ich vor dem Dilemma nicht zu wissen, was ich ihr antworten, Beziehungweise, wie ich darauf reagieren soll.  Natürlich ist sie zurecht auf ihre Familie stolz, aber ich kann mit einer Welt des Sports und mit Gipfelstürmer nicht viel anfangen.  Es ist nicht meine Welt.
Wir leben viel lieber mit Bücher und viel Wissensdrang.  Was also schreibe ich, ohne es hohlklingen zu lassen?
Ja... schön... sehr nett... ich gratuliere... ganz toll... kannst stolz sein...
Stimmt alles!  Aber warum hört sich das in meinen Ohren so unehrlich an?
Wir sind Freundinnen, weil weil wir uns mochten.  Wir mögen uns noch immer, aber unsere Welten sind auseinander gedriftet. Es sind keine Gemeinsamkeiten mehr da.

Kommentare:

Grey Owl Calluna hat gesagt…

Ja, das kommt mir sehr bekannt vor, wenn man nicht weiß, was man auf eine Mail antworten soll......und hat Angst was Falsches zu sagen......man ringt und ringt.....na ja und am Ende siegt, glaube ich, die Freundlichkeit, Höflichkeit, das Wissen, dass man sie doch irgendwie mag, auch, wenn man nicht unbedingt auf der selben Wellenlänge ist....oder einem nicht alles so zusagt.....

Jedefalls wünsche ich Dir einen schönen Sonntag.
Alles Liebe
Rosi

Papyrus hat gesagt…

Freundschaften ändern sich, entwickeln sich vielleicht sogar auseinander. Aber du machst dir Gedanken und das finde ich gut. Wie ist es denn mit einem Kompromiss?
Schreib doch ehrlich, dass du die Leistungen ihrer Kinder und Enkel toll findest, aber selber nicht so im Sport zu Hause bist und von daher nichts weiter dazu beitragen kannst. Das ist nicht gelogen und klingt somit auch nicht hohl.

Viele Grüße
Papyrus